Impulse
Zur Jahreslosung 2009
Keine einzige Versicherung zu haben, sei es Haftpflicht, Kranken- oder Rentenversicherung, das ist für Menschen in Westeuropa kaum denkbar. Solche Versicherungspolicen zu besitzen, vermittelt ein solides Sicherheitsgefühl. Das Unglück mag kommen, das Unvorhergesehene geschehen, es wird sicher unangenehm, aber wird es keine übermäßigen finanziellen Belastungen nach sich ziehen. Man ist halt abgesichert.
In den letzen fünfzehn Jahren konnte ich die beiden Länder Ghana und Sierra Leone in Westafrika bei vielen Reisen gut kennen lernen. Und jedes Mal bin ich überwältigt von der Gelassenheit der Menschen, und ihrer positiven Haltung dem Leben gegenüber – und das angesichts mangelnder Zukunftsvorsorge. Sie selber können es finanziell nicht stemmen, sich gegen die Risiken des Lebens abzusichern. Die mageren Einkommen reichen gerade mal für ein Dach über dem Kopf, bescheidene Kleidung, das Schulgeld für die Kinder und die Mahlzeiten. Und weil die Reispreise sich in wenigen Monaten verdoppelt haben, bedeutet das für manche Familie nur noch eine, statt der üblichen zwei Mahlzeiten am Tag. Da ist kein Geld übrig für Rücklagen, für das Alter, für die Zukunft, für Versicherungen.
Im „Vater unser“ so mein Gefühl, geht bei uns die Bitte um das „tägliche Brot“ völlig unter. Diese Bitte könnten wir eigentlich aus dem Gebet Jesu streichen, weil wir sie uns doch selber erhören können. Finanziell und materiell gut ausgestattet und die wichtigsten Versicherungspakete geschnürt, müssen wir uns nicht mehr mit den alltäglich lebenswichtigen Dingen an unseren Schöpfer wenden.
Alles dieses nicht zu haben: ist das vielleicht einer der Gründe für die tiefe Religiosität der Westafrikaner? Menschen kommen an ihre Grenzen.
- Das Überleben einer schweren Krankheit hängt oft wie an einem seidenen Faden an den eigenen finanziellen Mitteln oder der der Großfamilie – oder auch nicht!
- Wer in einem Job pensioniert wird, für den beginnt nicht der Ruhestand, sondern eine aufreibende Zeit. Andere Möglichkeiten müssen gesucht werden, im Alter noch ein wenig Geld zu verdienen.
- Ist einem ein materieller Schaden zugefügt worden, für den bei uns eine Haftpflichtversicherung eintreten würde, geht der Geschädigte dort häufig leer aus. Denn wo nichts ist, ist auch nichts zu holen.
Was bei den Menschen nicht läuft, das sollte bei Gott doch möglich sein. So ist Gott zentraler Anlaufpunkt angesichts einer ungesicherten und oft notvollen Zukunft. Mit Enthusiasmus wird er in den vielen Kirchen und Gemeinden gefeiert. Bei ihm wird Heilung gesucht und auch Wohlstand. Die Bitte um das „tägliche Brot“ bekommt eine existentielle Tiefe, weil ihr der alltäglich erlebte Mangel gegenübersteht.
Eckard M. Geisler
Bundessekretär für Weltdienst
und Internationale Beziehungen
im CVJM-Westbund
Secretary for World Service
and International Relations
Western Federation of YMCAs
geschrieben von Eckard M. Geisler am 02.01.2009 um 15:15 Uhr.
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