Meditationen
Gedanken zum Motiv der Kirchturmfahne
Evangelische Kirchengemeinde in Langensteinbach
zur Jahreslosung 2008

Jesus Christus spricht:
„Ich lebe und ihr sollt auch leben.“
(Johannes 14,19)
Als Kind sah ich mit großer innerer Beteiligung einmal den Film „die Wüste lebt“. In ihm kommt eine Szene vor, in welcher nach einem Regenguss die ganze Wüste zu neuem Leben erwacht. Wüstenblumen wachsen aus dem sonst so erstarrten und ausgedörrten Boden hervor und strecken sich dem Himmel entgegen. Das Wasser hat da, wo es scheinbar nichts gab, Leben erweckt, hat aus schlafenden Samen im Boden neues Leben wachsen und blühen lassen.
Diese Bilder kamen mir vor Augen, als ich die Jahreslosungsfahne betrachtete, die zum neuen Jahr von unserem Kirchturm auf die vielbefahrene Straße hinunterleuchtet.
Weithin sichtbar ist die große blaue Fläche auf dem gelben Mauerwerk.
Über die gesamten neun Meter Höhe dieser blauen Ebene sieht man in den warmen Farben des Holzes eine Blume emporstreben. Und deutlich heben sich die Worte ab: Jesus Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“
Mich spricht dieses Werk des Schweizer Künstlers Karl Imfeld in seiner ruhigen und klaren Aussage sehr an und ich möchte Sie mit hinein nehmen in ein paar Gedanken zu diesem Jahreslosungsbild.
Worauf es ankommt
Auch wenn der erste Blick sich an der Farbe und der Blume festhält, ist die Grundlage dieses Bildes doch die neue Jahreslosung aus dem Johannesevangelium. Ohne sie gäbe es auch das Bild nicht. Wie Bauklötze, die ein Kind übereinander gestapelt hat, stehen die Worte Jesu übereinander. Der letzte Begriff ist größer geschrieben als alle anderen Worte, als wäre es das Fundament: Leben.
Um nichts Geringeres als das Leben geht es. Vom Leben spricht Jesus. Und obwohl es nicht dasteht, schwingt in diesem Wort noch eine nähere Bezeichnung des Lebens mit, nämlich wahres Leben, Leben das wirklich gelebt wird.
Vor wenigen Tagen wurden die Ergebnisse einer Frosa-Umfrage bekannt gegeben. Danach nehmen sich viele Menschen vor, bewusster zu leben. 64% aller Befragten möchten im neuen Jahr mehr Zeit mit der Familie verbringen. Viele unter uns haben das Gefühl gelebt zu werden, anstatt bewusst zu leben. Sie haben das Gefühl, als würden sie Zeit verbrauchen, aber nicht leben. „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Jesus sagt diese Worte zu seinen Jüngern und man könnte fragen: ja wie denn – wie sollen wir leben? Wie finden wir ein Leben, das voller Leben ist? Die Antwort könnte lauten: indem wir unser eigenes Leben im Leben Jesu spiegeln und uns danach ausrichten, wie Jesus gelebt hat.
Vielleicht stellen wir dann fest:
Wahres Leben, das nicht am Sinn vorbeigeht, zeichnet sich nicht in erster Linie durch große Erfolge oder maximalen Spaßfaktor im Freizeitbereich aus, sondern durch eine sinnvolle Aufgabe in der Beziehung zu meinen Mitmenschen. Jesus hätte das vielleicht ‚liebendes Dienen’ genannt.
Wahres Leben, das nicht am Sinn vorbeigeht, zeichnet sich auch nicht durch ein möglichst langes Herausschieben von Alterserscheinungen und Sterbeprozessen aus, sondern durch das Wissen, dass jede Minute meines Lebens Gottes Geschenk an mich ist, das ich dankbar annehmen und füllen darf.
Und wahres Leben weiß, dass es einen Ursprung, eine Gegenwart und Ziel hat: Gott selbst.
Das Leben hat ungerade Lebenslinien
Vielleicht wissen wir das in unserem Kopf längst, aber es fällt uns so schwer, es auch im Herzen zu verinnerlichen und im Lebensalltag in die Tat umzusetzen.
Wenn man an das Bild der Jahreslosung herantritt und es ganz aus der Nähe betrachtet, so sieht man, dass das Blau keine durchgängige Ebene bildet wie eine künstliche Oberfläche aus Plastik. Sondern es ist von den Strukturen des lebenden Holzes geprägt.
In ihrem Wachstum nach oben kreuzt die Blume viele grobe Schnitzer im Holz, gerade so als müsse sie sich gegen andere, umgeknickte Stängel durchsetzen. Und sie wächst quer zur Maserung des Holzes, aus dem sie herausgeschnitzt ist. Fast scheint es, als sollten die Jahresringe des Baumes als Messskala für das langsame Wachstum der Blume dienen, an der man jeden Zentimeter ihres himmelwärtigen Strebens ablesen kann.
Auch unser Leben ist gekennzeichnet von Querschlägen und Widerständen. Jeder von uns kann mühelos die Schnitzer und Barrieren aufzählen, die uns immer wieder hindern, ein Leben zu führen, von dem wir das Gefühl haben, es sei wirkliches Leben. Unser Leben ist nicht frei von Widerständen. Manchmal geht es auch quer zum Zeitgeist. Aber ein wahres Leben kann auch nicht widerstandslos sein, auch das können wir aus Jesu Leben lernen.
Wenn ich die Blume auf dem Kunstwerk betrachte, dann trösten mich aber im Blick auf diese Erkenntnis zwei Dinge. Zum einen ist der Stängel der Blume, durch den die Lebenssäfte pulsieren, stark geworden – stärker als die Querschläge. Und zum anderen tröstet mich, dass die Blume, auch wenn sie etwas gebeugt und nicht kerzengerade zum Himmel emporwächst, doch die Richtung nicht verloren hat. Denn auch mein Leben, verläuft nicht immer geradlinig. Vieles lenkt mich ab. Und doch habe ich die Hoffnung, dass es zum Ziel führt.
Auf die Perspektive kommt es an
Vielleicht kann man das erst am Ende des Lebens oder zumindest doch mit einem gewissen Abstand zu bestimmten Lebensphasen sagen. Und auch hierbei finde ich mich in dem Bild wieder. Denn betrachtet man das Bild mit Abstand aus einer gewissen Ferne, so will es scheinen, als wachse die Blume unmittelbar an einem See oder Strom, an dessen Oberfläche sich in leisen Wellen das Licht der aufgehenden Sonne bricht.
Es scheint, als wäre die Blume umgeben vom Wasser. Und hier fällt mir wieder die Szene aus dem eingangs erwähnten Film ein. Wohin das Wasser in der Wüste fließt, die oft so durstig nach Feuchtigkeit lechzt, da bringt es Leben und teilt sich aus an alle, die seiner bedürfen. Es schafft Leben. Diese Hoffnung habe ich auch für die durstigen Lebenstage im kommenden Jahr: dass ich aus der Fülle Gottes schöpfen kann, aus dem Leben selbst. Ich möchte schöpfen aus dem, was Jesus mir durch sein Leben, seinen Tod und sein neues, unvergängliches Leben schenkt.
Umfangen von der Treue Gottes
Und damit möchte ich Sie in einen letzten Gedanken hinein nehmen: Die Blume auf dem Bild von Karl Imfeld ist ganz umhüllt vom Blau. Blau ist seit Jahrhunderten die Farbe der Treue. Gott umfängt mich mit meinem ganzen Sein, mit meinen Stärken, aber auch mit meinen Verkrümmungen und Verletzungen. Er umfließt mich mit seiner ganzen Treue.
In seiner Gegenwart darf ich blühen. Seine Treue fordert mein Blühen heraus wie das strahlende Blau eines Frühlingshimmels. Und ich weiß, das Blühen ist immer ein Zeichen des Lebens - des blühenden Lebens. Wie eine Schale, die die Sonnenstrahlen einfangen möchte, öffnet sich die Blüte des Bildes mit ihren drei Kelchblättern. Ich ahne, dass auch in dieser Dreizahl eine tiefe Bedeutung steckt. Und diese Dreizahl macht mir Mut, dass ich ganz umfangen bin:
von der Kindheit über mein Erwachsensein bis zum Alter,
mit meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
in meinem Wachsen, meiner fruchtbaren Schaffenskraft und in meinem Vergehen,
in meinem Glauben, meiner Hoffnung und meiner Liebe.
Und das tröstet mich. Selbst bei dem Gedanken, dass mein Leben einmal verblühen wird wie eine Blume auf dem Feld. Aber ich darf mich selbst noch am Ende meines Lebens umfangen wissen von der beständigen Treue Gottes. Jesus hat gesagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“. Und als er diesen Satz zu seinen Jüngern sprach, hat er bereits über den Tod hinausgesehen. Denn er wusste, dass der Tod ihn und uns nicht von Gott trennen kann, denn die Treue Gottes lässt uns nicht im Tod, sondern ruft uns zu neuem Leben.
Darum wünsche ich Ihnen und mir selbst, wenn wir im kommenden Jahr zum Bild am Kirchturm aufschauen, dass wir uns immer wieder daran erinnern lassen, dass wir von der Treue Gottes umgeben sind. Ich wünsche uns, dass wir an der Zusage festhalten, dass er unser Leben will, wahres Leben. Und ich wünsche uns, dass wir unser Leben immer wieder korrigieren lassen und nach Jesus ausrichten, der zu uns spricht:
„Ich lebe und ihr sollt auch leben“.
Mit allen guten Segenswünschen für das neue Jahr
Ihre Annette und Ekkehard Stier
Link: http://www.evkila.de
geschrieben am 31.12.2007 um 14:52 Uhr.
11.12.2011 - Andachten 2012 [mehr]
