Neues zur Jahreslosung

Zur Jahreslosung 2005

Warum können wir die Jahreslosung 2005 auf uns beziehen?

Zur Anfrage zum Umgang mit der Jahreslosung für 2005 (Lukas 22,32)

Warum ist es exegetisch legitim, dass wir das Wort von Jesus an Petrus auf uns beziehen?, also: Warum darf ich glauben, dass Jesus sagt: „Klaus-Peter, ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre“?

Auf die Frage, ob es denn exegetisch legitim sei, Jesu Worte an Petrus auch auf sich selbst zu beziehen, versuche ich zwei Antworten: erstens eine eher hermeneutische und biblisch-theologische, die sich auf unser Verständnis von der Bibelauslegung bezieht und aus der bib-lischen Gesamtschau eine allgemeine Aussageabsicht der Bibel zu finden sucht, und zweitens eine im engeren Sinne exegetische, die den einzelnen Texten in ihrer Bedeutung damals nachgeht und damit ihre Aussage für uns heute klären hilft. Die zweite Antwort setzt schon die erste voraus, nämlich, dass der biblische Text uns grundsätzlich etwas zu sagen hat.

I.
Zum ersten: Mit welchem Auslegungsverständnis, mit welcher Haltung lesen wir die Bibel?

Die einen nehmen die Bibel mit wissenschaftlichem Interesse als historisches, literarisches oder religionswissenschaftliches Dokument zur Hand, andere lesen darin mit stärkerer innerer Anteilnahme, weil sie darin eine Bedeutung für ihr Leben entdecken. Unter diesen sehen manche in der Bibel vor allem die Gebote Gottes – als Regeln, Anleitungen für bestimmte Lebensfragen. Andere finden darin eher Gleichnisse, Personen, Erzählungen, mit denen sie sich identifizieren und ihre eigene Lebensgeschichte als Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen erfahren und zu leben versuchen. Manche suchen systematisch nach einem bestimmten Schlüssel, mit dem sich vieles erst mit Gewinn lesen lässt, anderes aber aus dem Blick gerät. Je nach Gruppe oder Konfession stehen dabei ganz unterschiedliche biblische Bücher im Mittelpunkt.

Was gehen Jesu Worte ausgerechnet mich an?
These:
Die Verkündigung Jesu und die Verkündigung der Osterbotschaft gelten auch mir, sonst hätte die Bibel gar nicht geschrieben werden brauchen.

Begründung:
Die meisten biblischen Bücher verraten nicht ausdrücklich, wofür und wie sie gelesen werden wollen. Es finden sich aber einige Hinweise auf die Bedeutung der schriftlichen Fixierung der neutestamentlichen Verkündigung. In Johannes 20,30f. steht der Hinweis, dass manche der Wunder-„Zeichen“ Jesu „in diesem Buch“ geschrieben sind, „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“ „Glauben“ heißt bei Johannes auch, unter der Anleitung des Heiligen Geistes alles zu hören, anzuerkennen und zu halten, was Jesus selbst verkündet und geboten hat (Johannes 14,15-26; 16,5-15). Das gilt gerade auch für Menschen späterer Zeiten, die nicht mehr Zeitgenossen Jesu waren: „Selig sind, die nicht [mehr die Erscheinung oder die Wundertaten Jesu live] sehen und doch glauben“, sagt Jesus in Johannes 20,29 zu Thomas – und damit wendet sich der Verfasser des Evangeliums an seine Leserschaft.
Das Lukasevangelium, in dem die Jahreslosung steht, ist auch mit der Absicht geschrieben, die christliche Überlieferung zu den Augen- und Ohrenzeugen Christi sorgfältig zurückzuverfolgen und so „den sicheren Grund der Lehre“ den Zeitgenossen und späteren Generationen zu erhalten (vgl. Lukas 1,1-4). Die Worte, Gesten und Taten Jesu vor seiner Kreuzigung und Auferstehung sollen die Jünger nach Ostern neu verstehen und weltweit verkündigen lernen, wie es am Ende des Lukasevangeliums heißt (vgl. Lukas 24,30f.41-45 mit Anspielung auf Jesu vorösterliche Mahlgemeinschaft, Fischzugs-, und Speisungswunder).
Die nachträgliche Verschriftlichung der Worte und Taten Jesu dient also dazu, auch lange nach Ostern Menschen für den Glauben an den Auferstandenen zu gewinnen und zugleich den christlichen Gemeinden den Reichtum der Überlieferung, geschützt vor ins Kraut schießenden Zusatzoffenbarungen, zu erhalten.

Was gehen mich Jesu Worte an den Apostel an?
These:
Den Aposteln kommt darin eine Sonderstellung zu, dass wir ihnen die christliche Überlieferung überhaupt verdanken. Ihre Hochschätzung im Neuen Testament begründet nicht einen Sonderstatus der Apostel, der uns von ihnen distanziert, sondern im Gegenteil die Glaubwürdigkeit der Überlieferung.

Begründung:
Um ihre Legitimität und Autorität zu verbürgen, versuchen die meisten der neutestamentlichen Schriftsteller, ihre unmittelbare, „apostolische“ Verbindung mit dem Auferstandenen zu zeigen. Paulus nennt in 1. Korinther 15 eine große Zahl von Zeugen und Aposteln, denen Christus erschienen sei, zuletzt auch sich selbst; der Verfasser des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte beschränkt die Bezeichnung „Apostel“ weitgehend auf den Kreis der zwölf Jünger, die für alle Welt als Jesu „Zeugen“ gelten (Apostelgeschichte 1,8). In dieser Funktion und Bedeutung sind wir mit den Aposteln und ersten Jüngern (und Jüngerinnen) nicht zu vergleichen: Wir sind nicht die Garanten der Ursprünglichkeit der Überlieferung; diese wird nach evangelischem Verständnis durch das vom Heiligen Geist geleitete Hören, Lesen, Verstehen und gemeinsame Auslegen der vorgegebenen biblischen Schriften gewährleistet, darin besteht die „Apostolizität“ der Kirche.

Was gehen mich Jesu Worte an den Jünger an?
These:
Die Erzählungen von der Begegnung Jesu mit den Jüngern und anderen Menschen sind deshalb wesentlicher Bestandteil der Überlieferung, weil sie Modellcharakter für uns haben.

Begründung:
Abgesehen von der Sonderstellung als erste Zeugen sind die Apostel Jünger, Schüler – so wie alle Glaubenden aller Erdteile und aller Zeiten (vgl. den Tauf- und Missionsauftrag Jesu an die ersten Jünger, „alle Völker“ ebenfalls zu „Jüngern“ zu machen, Matthäus 28,18-20). Für das Lesen der Bibel folgt daraus: Sie ist für uns mit derselben werbenden Absicht geschrieben, mit der z.B. Jesus auf die Fischer oder Zöllner zugegangen ist oder mit der Paulus in Kleinasien Menschen auf Christus angesprochen hat. Sie ist genauso auch mit der warnenden Absicht geschrieben, mit der Jesus Petrus als Satan oder Paulus die Korinther wegen unterschiedlicher Spielarten religiöser Selbstgerechtigkeit zurechtgewiesen hat. In dieser Hinsicht, in der Zuwendung Gottes zu uns durch Zuspruch und Anspruch, durch Befreiung und Indienstnahme – sind wir, wie die Zwölf um Jesus, Jünger, Lernende, Irrende, in die Nachfolge Gerufene.
Für das Lesen der Evangelien, und damit auch der Worte Jesu an seine Jünger, heißt das: An den Erzählungen und an ihren Gestalten lernen wir, mit dem Geschenk des Glaubens, seiner Gefährdung und Vertiefung umzugehen. Die schwierige Aufgabe, uns selbst stets aufs Neue in der Vielfalt biblischer Erzählungen und Charaktere wiederzufinden, bietet die Chance, vorschnelle Identifikationen und einseitige Gewissheiten zu vermeiden.

II.
Zum zweiten: In welchem Zusammenhang lesen wir einen biblischen Text?

Die Frage, ob es exegetisch, im Blick auf Aussageabsicht und Zusammenhang, legitim ist, Jesu Wort an Petrus auf sich selbst zu beziehen, ist also im Blick auf die Absicht des Ver-fassers zu bejahen. Allerdings ist es wichtig, den Zusammenhang des konkreten Textes zur Kenntnis zu nehmen, denn nicht jeder Mensch ist in jeder Situation mit jedem biblischen Wort in gleicher Weise gemeint.

Was gehen mich die Worte Jesu an Petrus an?
These:
Die Worte Jesu an Petrus gehen mich dann etwas an, wenn ich in meinem Leben und in meinem Verhältnis zu Gott Haltungen und Situationen erlebe, die mit den von Petrus erlebten vergleichbar sind.

Begründung:
Es ist legitim, die Jahreslosung auf mich zu beziehen, wenn sie wirklich als Wort Jesu an einen Menschen mit einer bestimmten Geschichte beherzigt wird. Im Fall der Losung Lukas 22,32a heißt das: Der Vers davor und die zweieinhalb Verse danach gehören dazu, ebenso wie alles, was man sonst im Lukasevangelium (und darüber hinaus) über Jesus, Petrus und die übrigen Jünger weiß. Das können Einzelbeobachtungen sein: Jesus benutzt nur hier den ursprünglichen Namen des Petrus, „Simon, Simon“, mit Betonung und spricht den Apostel so in seiner allen Menschen eigenen Schwäche an. Jesus redet so von Verleugnung und anschließender Bekehrung des Petrus, dass dieser weder die Chance erhält, Jesu Zuspruch überheblich als bleibenden Besitz zu verbuchen, noch sich über sein Versagen in dauerhafter Verzweiflung einzurichten. Nicht trotz, auch nicht wegen, sondern mit seinem Versagen erhält Petrus die Aufgabe, sensibel Seelsorge, Stärkung und Leitung seiner „Brüder“ auszuüben. Dass Glauben an Jesus anders aussehen kann oder gar einen anderen Jesus meinen kann, als Petrus bisher dachte, dass auch Leitung ganz anders aussehen kann, als die Jünger es bisher unter sich zu regeln versuchten, wird bei Lukas und in den anderen Evangelienerzählungen zur Genüge deutlich.
Was Jesus sagt, ist also auch zu uns gesagt; aber eben so, dass er uns damit zugleich anleitet zu entdecken, wer und wo wir sind: ob Martha oder Maria, ob reicher Jüngling oder Pharisäer, ob Petrus oder der römische Hauptmann.

III.
Die gestellte Frage: „Warum darf ich glauben, daß Jesus sagt: ‚Klaus-Peter, ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre’?“ lässt sich daher zusammenfassend so beantworten:

1.
Ich darf glauben, dass Jesus das zu mir sagt, weil, erstens, die Weiterverkündigung und Verschriftlichung des Evangeliums nur zu dem Zweck geschehen ist, dass Menschen diese Worte auf sich beziehen und zum Glauben kommen und im Glauben wachsen.
2.
Ich darf glauben, dass Jesus das zu mir sagt, weil ich zwar kein Apostel, aber wie alle Glaubenden aller Zeiten (wie Petrus) ein Jünger bin. Die biblischen Erzählungen davon, wie Jesus Menschen begegnet, sind aufgeschrieben worden, weil sie Modellcharakter haben.
3.
Ich darf glauben, dass Jesus das zu mir sagt, insofern ich in einer Situation bin, die mich (auf welche Weise auch immer) mit dem ursprünglichen Adressaten Petrus verbindet. In anderen Situationen gelten für mich möglicherweise eher Worte, die Jesus zu anderen Gestalten der Bibel gesagt hat.

Das alles gilt natürlich unter der Voraussetzung, dass ich selbst Klaus-Peter bin. Wenn das jemand anderes ist, kann ich zwar grundsätzlich im Sinne der ersten Antwort davon ausgehen, dass Gottes Interesse allen und damit auch meinem Mitchristen Klaus-Peter gilt. Im Sinne der zweiten Antwort aber genauere Vermutungen über Klaus-Peters Gottesverhältnis und dessen spezielle Umstände anzustellen, ist hochgefährlich.
Aber das ist ein anderes Thema …

Frithjof Rittberger
Pfarrer z.A. beim Landesjugendpfarramt der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Internet: www.lajupf.de

geschrieben am 23.01.2005 um 21:17 Uhr.


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