Zur Jahreslosung 2006
Durchstehen, weil Gott zu mir steht
Exegetische Hinweise
Jesus Christus spricht:
Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Lukas 22,32 (L)
Die Worte der Jahreslosung spricht Jesus zu Petrus. Zwei völlig entgegengesetzte Vorstellungen können vor unseren Augen entstehen, wenn wir an Petrus denken: Petrus der Fels, der Feststehende, der für das steht, was in einer Gemeinschaft von Menschen gilt. Oder Petrus der Wankende, sich Windende, der – unter sozialem Druck – nicht zu Jesus oder, später, nicht zu seinen Mitchristen nichtjüdischer Herkunft steht. Möglicherweise gehört beides sogar zusammen: der Fels in der Brandung, der sich keinen Millimeter bewegt – und das Fähnlein im Wind, das keine ei-gene Richtung hat. Durchstehen dagegen hieße: sich vertrauensvoll auf Begegnungen und Erfahrungen einlassen, für die es keine fertigen Konzepte gibt, die man selber gestaltet, in denen man aber auch verändert wird. Diese Haltung kann man weder für sich selbst erzwingen, noch von anderen einfordern. Jesus geht mit ihr so um, dass er sie zum einen selber vorlebt und zum andern zum Gegenstand der Fürbitte macht: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ Die Fürbitte ist der Schlüssel zu solchem Vertrauen. Die Jünger, die sich nur in einer starken, angesehenen Gemeinschaft zuversichtlich fühlen, erleben, wie Jesus sie schon zu Lebzei-ten mehr und mehr verlässt – auf dem Weg nach Jerusalem, dem sie innerlich nicht folgen können. Die Worte an die Jünger sind Worte, die nach Karfreitag und Ostern erst recht gelten: Ich stehe bei dir und zu dir, wo du fürchtest, alleine zu stehen.
Lukas 22,31-32 in verschiedenen Übersetzungen
Der Herr aber sprach: Simon, Simon! Siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre; und wenn du einst zurückgekehrt bist, so stärke deine Brüder (Elberfelder Bibel).
Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder (Einheitsübersetzung).
Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du der-einst dich bekehrst, so stärke deine Brüder (Lutherbibel 1984).
Simon, Simon! Pass gut auf! Gott hat dem Satan erlaubt, euch auf die Probe zu stel-len und die Spreu vom Weizen zu scheiden.
Aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube an mich nicht aufhört. Wenn du dann wieder zu mir zurückgefunden hast, musst du deine Brüder und Schwestern im Glauben an mich stärken (Gute Nachricht).
Der Kontext –
Wegweisungen für den Glauben nach Ostern
Kontext von Lukas 22,32 ist die Passionsgeschichte des Lukasevangeliums. Unmit-telbar vorangegangen ist das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern. Während im Matthäus- und Markusevangelium nach dem Abendmahl schon der Gang Richtung Ölberg/Garten Getsemane folgt – jeweils mit kurzem Wortwechsel, bei dem Jesus den Abfall der Jünger vorhersagt, Petrus dieszurückweist, Jesus wiederum die Verleugnung durch Petrus ankündigt –, ist die Verleugnungsankündigung bei Lukas in ein längeres Gespräch Jesu mit den Jüngern eingebettet (Lukas 22,24-38). Es handelt sich um eine Art „Abschiedsrede“ Jesu, die den Jüngern in der nahen Zukunft ohne Jesu leibliche Gegenwart helfen soll. Am Beispiel des Abendmahls werden sie darauf hingewiesen, einander zu dienen, anstatt übereinander herrschen zu wollen. In ei-nem Leben ohne handfeste Sicherheit, ohne einen Jesus zum Anfassen, werden sie lernen, von einem Vertrauen zu leben, das auch den Weg und die Worte des irdi-schen Jesus mit ihnen und an sie geprägt hat. (Besonders ausgeprägt findet sich ein solcher Block Abschiedsreden in den Kapiteln 13,31-16,33 im Johannesevangelium, in denen den Jüngern der Heilige Geist als Beistand, Fürsprecher und Tröster für die Zeit nach Ostern verheißen wird. Auch dort zu Beginn: ein Hinweis zum Umgang miteinander, das Gebot, einander lieb zu haben. Es folgt dann ebenfalls die Verleug-nungsankündigung des Petrus: Johannes 13,36-38.)
Glauben – Vertrauen, das ein Leben lang prägt
Glaube als Geschenk schließt Zweifel und Versagen ein
Einmalig ist nun bei Lukas, dass der Verleugnungsansage eine Zusage vorausgeht, nämlich die nur bei Lukas stehende Jahreslosung Lukas 22,32, die ihrerseits Reaktion auf eine Bedrohung ist: Dem Begehren des Satans, die gleichsam auf sich ge-stellten Jünger zu „sieben“ und ihrer Schwäche zu überführen (Lukas 22,31), stellt Jesus sein eigenes Begehren entgegen: die Fürbitte für Simon Petrus, dass sein Glaube nicht aufhöre.
Diese Gegenüberstellung zeigt: Nicht Petrus tritt gegen den Satan an, sondern Jesus. Nicht eine „Entscheidung“ des Petrus für den Glauben, für das Festhalten an Jesus wird von ihm verlangt, sondern etwas ganz anderes: Er soll sich zunächst einfach anhören, was Jesus in zwei Sätzen über seinen Glauben sagt. Der erste Satz ist die Jahreslosung: „Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“ (Vers 32a). Glauben als Ergebnis solcher Fürbitte ist ein Geschenk. Was das aber bedeutet, dass man Glauben nur geschenkt bekommen kann, sagt Jesus im zweiten Satz: „Wenn du einst zurückgekehrt bist, so stärke deine Brüder“ (Vers 32b). Die Jahreslo-sung für sich genommen könnte Petrus nämlich so verstehen: „Ich habe für dich gebeten, dass du soviel Power bekommst, dass du niemals Zweifel hast.“ So verstanden wäre der Glaube kein Geschenk mehr, sondern entweder maßlose Selbstüber-schätzung oder religiöser Leistungsdruck, der irgendwann zur Verzweiflung führt. Deshalb formuliert Jesus seine Zusage noch einmal – in Form einer Vorhersage über das Glaubensleben des Petrus. Indem er schon Petrus’ künftige Umkehr anspricht, redet er von seinem darin ebenfalls angekündigten Scheitern (Verleugnung Jesu) nicht anklagend, sondern tröstlich. Indem er Petrus ganz nüchtern, ohne Vorwurf und Pathos, nicht nur über seinen Abfall, sondern zugleich seine Umkehr und anschlie-ßende Aufgabe informiert, sagt er ihm vor allem eines: Ich stehe zu dir, auch wenn du nicht zu mir stehst. Indem Jesus so über die Verleugnung redet, bereitet er für Petrus schon den Weg, umzukehren und sich als vergebungsbedürftiger Mensch annehmen zu können.
Mit diesem Zuspruch erhält Petrus zugleich seine Aufgabe: Petrus soll lernen, in die tiefsten Abgründe eigener Schwäche zu blicken und – nur so! – andere mit ausgerechnet dieser Erfahrung zu „stärken“: „Wenn du einst zurückgekehrt bist, so stärke deine Brüder“. Abfall wie auch Bekehrung sind vorausgesetzt und stehen dem Willen des Menschen gar nicht zur Verfügung. Aber von dieser Erfahrung vorsichtig zu reden und anderen so den Umgang mit ihr zu erleichtern, das wird zu seiner Aufgabe, das wird zu der entscheidenden Führungsaufgabe in der Kirche. Damit entspricht sie dem oben Gesagten: dienen, nicht herrschen, und: einander lieb haben.
Glauben – an wen oder was?
Wenn Petrus später Jesus verleugnet und sagt: „Ich kenne ihn nicht“ (Lukas 22,57), dann steckt in dieser Lüge auch ein Stück Wahrheit, das man Petrus erst einmal zugute halten sollte: Den schwachen Jesus, den „Versager“ Jesus, den kannte er bisher nicht. Er hat sich den Messias so vorgestellt, wie er auch in der Tradition verkün-digt wurde: mächtig zu helfen, zu richten und die Welt nach Gottes Gebot zu regieren. Bei so einem Jesus, wie ihn bis heute manche Lobpreislieder verkünden, springt ein Funke über. „Jesus is King!“ – diesen Touch hatte auch Petrus’ früheres Messiasbekenntnis zu Jesus (Lukas 9,20; vgl. Markus 8,27-33). Jesus hatte es zwar hart zurückgewiesen, Petrus es sich aber so zu eigen gemacht, dass für ihn alles zusammenbrach, als Gott in Jesus nicht den vorgesehenen Weg des Mächtigen einschlug. „Glauben“ heißt demnach: sich kein Bild von Gott machen – eine Gefahr, die jedem Bekenntnis passieren kann –, sondern: sich auf eine Beziehung einlassen, nicht nur „auf Jesus stehen“, sondern zu Jesus stehen.
Vielleicht kann man die Gegenüberstellung Jesu: „Siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen – ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre“, auch als zwei im Widerstreit stehende Glaubensbekenntnisse verstehen. Menschen neigen dazu, sich Gott als den vorzustellen, der gerecht ist und auch bei den Menschen für klare Verhältnisse sorgt. Das Sieben, Aussortieren zwischen richtig und falsch, Guten und Schlechten ist demnach eine machtvolle göttliche Klärung, die von Menschen manchmal gerne schon vorweggenommen und zur Festigung religiöser und politischer Gemeinschaften benutzt wird – und natürlich auch zu Gunsten oder zu Lasten des eigenen Selbstwertgefühls. Solcher „Glaube“, solches Bekenntnis wird von Jesus als satanisch gekennzeichnet. „Satan“ sagt Jesus zu Petrus als Reaktion auf dessen Messiasbekenntnis (Markus 8,33; Matthäus 16,23). Nur vom „Satan“ (Markus 1,13) können Vorschläge stammen, Jesus mit einer seiner Sendung gemäßen Macht und Autorität auszustatten (Matthäus 4,1-11). Jesus wirbt für ein anderes Bild von Gott und repräsentiert ihn so bereits: Statt zu urteilen, wie jemand ist, steht Jesus voller Mitgefühl für ihn oder sie ein – für Petrus und seinen Glauben, auf den noch ungeahnte Entwicklungen warten, für die Stadt Jerusalem, um die er weint (Lukas 19,41f), für die Menschen, die ihn für dies und anderes ans Kreuz brachten: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukas 23,34). Diese drei Stellen, in denen sich die Zuwendung Jesu mehr oder weniger mit der Fürbitte verbindet, sind ein besonderer Zug des Lukasevangeliums. Gott gibt niemanden auf – und trachtet danach, jeden und jede vom Glauben an ein sicheres Gottesbild zum Zutrauen auf den lebendigen – und sei es in nächster Nähe leidenden – Gott zu führen.
Glauben heißt dann zum einen: Vertrauen zu einem haben, der nicht immer „mein starker Gott“ oder „mein großer Bruder“ ist, sondern auch der abstoßende, verächt-lich gemachte Versager, in dem die eigenen Hoffnungen nicht zum Ziel zu kommen scheinen. In diesem Vertrauen scheitern wir Menschen regelmäßig, solcher „Glaube“ hört ständig auf, und wir können ihn uns nur schenken lassen – deshalb die Fürbitte Jesu für Petrus.
Glaube heißt aber auch: Vertrauen darauf haben, dass ich in diesem regelmäßigen Scheitern nicht völlig ins Bodenlose fallen und Gott verleugnen muss, sondern neue Erfahrungen machen darf. Wenn Gott Menschen dahin führt, wo sie von selbst nie-mals hin wollen und wo sie Gott unter keinen Umständen haben wollen, dann ermöglicht Gott ihnen neue Erfahrungen: Wer im Scheitern, in der Ohnmacht angenommen wird, wo er sich selbst bisher nicht angenommen hat, der braucht sich immer weniger von bestimmten Dingen oder fremden Menschen abgrenzen, sondern gewinnt in immer mehr Bereichen des Lebens, vielleicht auch im Sterben, Zutrauen zu Gott. Petrus zum Beispiel lernte später, mit Menschen Tischgemeinschaft zu haben, die er vorher kaum angesehen hätte, und damit auch, den Zugang der Nichtjuden zu Gott anzuerkennen. Das wäre dann ein Glaube, in dem ein Mensch Gott darum bittet, immer wieder heilsam auch in seinem Gottesbild korrigiert zu werden. Den Ausruf: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9,24), könnte man so vielleicht auch als Gebet des Petrus verstehen, mit dem er auf den Zuspruch der Jahreslosung antwortet.
Literatur
Zur Person des Petrus:
Böttrich, Christfried: Petrus. Fischer, Fels, Funktionär (Biblische Gestalten Bd. 2), Leipzig 2001.
Kommentare:
Eckey, Wilfried: Das Lukasevangelium. Unter Berücksichtigung seiner Parallelen, Teilband II: 11,1-24,53, Neukirchen-Vluyn 2004.
Wiefel, Wolfgang: Das Evangelium nach Lukas (Theologischer Handkommentar zum Neuen Testa-ment III), Berlin 1988.
Petzke, Gerd: Das Sondergut des Evangeliums nach Lukas (Zürcher Werkkommentare zur Bibel), Zü-rich 1990.
Frithjof Rittberger
geschrieben am 17.01.2005 um 21:09 Uhr.
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